Die Laubholzmistel – Heilpflanze und Schädling

Die Laubholzmistel – Heilpflanze und Schädling

Wolfgang Weingerl

Für die Vogelwelt sind Misteln am Baum ein reich gedeckter Tisch, besonders die Misteldrossel oder durchziehende Seidenschwänze stärken sich in den Wintermonaten an den weißen Beeren. Die Mistel ist als Heilpflanze sehr bedeutsam, wobei die manchmal behauptete Giftigkeit der grünen Pflanzenteile heute weitgehend bestritten wird. Als Kaltauszug über Nacht angesetzt und in der Früh auf Trinktemperatur gebracht kann Misteltee helfen, Blutdruckprobleme in den Griff zu bekommen. In der Alternativ- und Komplementärmedizin wird die sogenannte Misteltherapie als Krebsbehandlungsmethode angewandt.

Als Dekoration sind Mistelzweige vor allem um die Weihnachtszeit sehr beliebt, ob die Beliebtheit tatsächlich auf keltisches Brauchtum zurückgeht, sei dahingestellt.

Tatsache ist, dass das Mistelvorkommen zunehmend ist und die ausgiebige Verwendung der Misteln für gesundheitliche oder dekorative Verwendungen kaum den Platz unserer einheimischen Laubholz-Mistel auf der Liste gefährdeter Pflanzen rechtfertigt.

Wolfgang Weingerl Vergreister Apfelbaum im letzten Lebensstadium

Das starke Auftreten der Mistel vor allem in den Pappel-Auen hat auch noch zwei weitere Gründe: Erstens wird es in den Wintern aufgrund der Klimaerwärmung kaum mehr lange genug kalt, um die Misteln zu schädigen. Zweitens sind die “Austreifen” neben den Flüssen, in Windschutzgürtel und die Streuobstbestände oft nur mehr die letzten Rückzugsgebiete für die Vogelbestände in der sonst “ausgeräumten” Landschaft. Nur mehr dort finden sie ausreichend Schutz, Nahrung und Nistmöglichkeiten und tragen dadurch natürlich zu einer verstärkten Ausbreitung bei. Ein Beispiel dafür, dass der Einfluss der menschlichen Tätigkeit oft an unvermuteter Stelle, erst am zweiten Blick sichtbar und eventuell auch zum Problem wird.

Biologie der Mistel

Neben der Tannenmistel und der Kiefernmistel ist die Laubholzmistel (Viscum album ssp. album) in unseren Breiten die häufigste Unterart, die in manchen Regionen großflächig Pappeln und Obstbäume bewohnt. Vögel sind die Verbreiter der klebrigen Samen, die durch ihren Klebstoff Viscin zuerst an den Schnäbeln der Vögel, später an den Zweigen ihrer zukünftigen Wirtsbäume anhaften, bevor sich aus den Samen ein dünner Schlauch in das Zellgewebe der Rinde einwächst und dort die Saftleitungsbahnen anzapft. Übrigens ist die Bezeichnung für die Fließfähigkeit von Flüssigkeiten – Viskosität – auch auf dieses Viscin zurückzuführen.

Wolfgang Weingerl Junge Mistel mit freigelegten Haustorien

Durch die Fähigkeit der Mistelpflanze, stärker zu transpirieren, damit den Saftstrom zu verstärken und dadurch den erhöhten eigenen Stickstoffbedarf zu decken, bringt die Mistel die weiter außen liegenden Astpartien sukzessive zum Vertrocknen und Absterben. Misteln sind bis ca. -25°C frosthart, assimilieren auch nach dem Laubfall des Wirtbaumes bis zum Frosteintritt weiter und können dadurch ihren Wettbewerbsvorteil in der Krone weiter ausbauen. Zudem beginnt die Mistel im Frühjahr zeitiger mit dem Wachstum als der Baum selbst und hat dadurch einen Vorteil. Was bei Intensiv-Obstanlagen durch den starken Umtrieb kein Problem darstellt, wird bei Streuobstbäumen vor allem in der Nähe von Mischwäldern mit hohem Pappel- oder Lindenanteil immer mehr zum Problem. Wenn Streuobstbäume nicht jährlich geschnitten werden (was ja als Argument für Streuobstbau angeführt wird), gibt das den Misteln Gelegenheit, unbehelligt die Bäume zu besiedeln und sich stark zu vermehren. Oft sind diese Obstbäume auch nicht mehr vital genug, um nach scharfem Schnitt und Entfernen der Mistel-Wirtsäste genug neue Austriebe für eine Regeneration der Bäume zu produzieren.

Methoden der Bekämpfung

Über die Haustorien (quasi Wurzeln der Mistel im Bast der Wirtsrinde) ist der Schmarotzer gut am Wirt verankert und treibt auch beim Rückschnitt der Mistel wieder kräftig aus. Die Haustorien reichen im Bast oft bis 30 cm in beide Richtungen des Astes und können nur mitsamt dem Ast weggeschnitten werden. Dies ist auch die wirksamste Maßnahme, stellt aber in der Praxis durch mitunter große Höhen der Bäume ein nicht zu unterschätzendes Problem dar. Hier stellt sich natürlich die Frage, ob bei stark überbauten Kronen und nicht beerntbaren Astpartien nicht sowieso schon etwas versäumt wurde. Wo man beim Baumschnitt nicht ohne großen Aufwand hingelangt, wird man auch kaum leicht Obst ernten können. Um bei bereits in Altersruhe befindlichen Obstbäumen eine Revitalisierung zu starten, ist ein entsprechender Eingriff in die Krone und dadurch auch ein Anregen der Wurzelerneuerung unumgänglich. Wenn sich im ersten Jahr nach dem Schnitt ausreichend neue Triebe gebildet haben, können wir leichter von der Mistel befallene Äste auf Neuaustriebe zurücksetzen.

Wichtig ist hier, dass die Triebkraft des befallenen Baumes nachhaltig und konsequent gefördert wird. Ansonsten kommt es durch die Schnittwunden an den Bäumen zu einem verstärkten Befall durch weitere “Schwächeparasiten”, wie zum Beispiel dem Zunderschwamm (Fomen fomentarius). Dieser ist in der gleichen ökologischen Nische wie die Mistel zu finden (“Weichholz”-betonte Bestände in relativ niederen Lagen) und sorgt dort für den Abbau der altersschwachen Bäume. Bedeutsam ist das deshalb, weil er die Weißfäule verursacht, die auch an unseren Obstbäumen Starkholzbrüche verursachen können.

Wolfgang Weingerl

Bei Mistelbefall auf starken Leitästen oder im Stammbereich ist ein Entfernen natürlich nicht ganz so einfach. Ein Ausschneiden von kleineren Misteln mitsamt ihren Haustorien ist nur bei Bäumen mit ausreichender Vitalität zur Wundversorgung möglich. Ansonsten kann nur versucht werden, die Mistel „zu blenden“. Dazu wird der äußere Bereich der Mistelpflanze sauber weggeschnitten und zur Verhinderung des Neuaustriebes der Pflanze das Licht entzogen. Lichtundurchlässiges Material wie z.B. Teichfolie wird so um den Bereich des Mistelbefalls gelegt, dass der beginnende Neuaustrieb über zwei Saisonen lang kein Licht erhält. Das muss aber über die ganze Länge der Haustorien erfolgen, sonst treibt der im Ast befindliche Teil wieder aus! Vorsicht ist aber auch hier geboten: Staunässe oder Einschnürungen des Baumes sind zu vermeiden, da auch Fäulnis/Pilzbefall und mechanische Schäden dem Obstbaum nicht förderlich sind.

Wolfgang Weingerl Äußerlich unsichtbar: die Haustorien greifen weit in die Astlänge hinein (braune Linien im Holz).

Aussichten

In Gebieten mit starkem Befallsdruck durch Misteln ist eine zeitintensive Pflege der Streuobstbestände unumgänglich. Durch die Wuchshöhe der Bäume, von denen Mistelsamen auf die Obstbäume verschleppt werden, ist ein Freihalten von Misteln aussichtslos. Neben der Vergreisung der Streuobstbestände und Rodungen wegen mangelnder Nutzung stellt die Mistel mit rapidem Absterben von Astpartien und Zugrundegehen die Hauptbedrohung von Streuobstbeständen dar.

Wolfgang Weingerl Freistehende Linde als „Keimzelle“ des Befalldruckes durch Misteln

Verstärkt gilt auch hier wieder: Wer seine Bäume nicht ausreichend beobachtet und rechtzeitig reagiert, wird kaum Erfolg haben! Die ökonomische Bedeutung der Bestände muss durch Hebung der Wertschöpfung im gleichen Maß wie die Bereitschaft zur Pflege der Bäume steigen.

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